Wer ins kalte Wasser springt, taucht ein ins Meer der Möglichkeiten…

Eine der ersten und auch prägendsten Erfahrungen in meinem Leben auf vier Rädern war definitiv das Tauchen. Nicht lange nach dem der Rollstuhl mein neuer Lebensgefährte geworden war, machte ich meinen Tauchschein. Ich empfinde es nach wie vor als ein großes Geschenk, dass ich damals Magdi und Martina fand, die in Lüneburg ihre Tauchschule betrieben. Keine spezielle Tauchschule, aber eine besondere :-)! Eine Tauchschule, in der JEDER Mensch herzlich willkommen war – ob mit oder ohne Handicap. Und noch mehr als das, im Lünedive wurde Inklusion gelebt, noch lange bevor es dieses Wort überhaupt gab ;-).

Nach meinen ersten Tauchgängen  im Schwimmbad mit Magdi und seinem Schwiegervater Werner, bei denen ich mich an das Atmen unter Wasser gewöhnte und den Umgang mit dem Tauchgerät erlernte, hatte es mich schon bald gepackt. Diese Schwerelosigkeit unter Wasser zu erleben, war einfach großartig. Ein ganz neues Lebensgefühl! Saß ich doch im Alltag den ganzen Tag in einer Position, genoß ich nun das Schweben, ein unbeschreibliches Gefühl von Leichtigkeit. Unter Wasser hatte mein Handicap auf einmal keine Bedeutung mehr. Und da ich ja von Kindheit an ein absoluter Wasserfan bin, hatte ich mit dem Tauchen meine neue Leidenschaft entdeckt. 

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Nach meinen ersten Freiwassertauchgängen im Lüneburger Kalkbruchsee fragte mein Tauchlehrer Magdi mich, ob ich nicht mit ihnen zum Tauchen im Roten Meer nach Ägypten fliegen wolle. Ich war zunächst etwas erstaunt und fragte, ob das denn alles ginge, so mit Rolli und so… Magdi wischte in einer Sekunde all meine Zweifel, dass dies nicht möglich sein könnte, weg. Die Tauchschule bot mehrmals im Jahr Tauchreisen an. Und es war absolut selbstverständlich, dass ich als Rollifahrer daran teilnehmen konnte. Zum ersten Mal erlebte ich das große Geschenk, als Mensch mit Handicap ganz selbstverständlich ein Teil der Gruppe zu sein, hier gab es glücklicherweise keine speziellen Reisen extra für Menschen mit Handicap. Die Selbstverständlichkeit, mit der ich in der Tauchschule und auf den Reisen überall dabei war, hat mich begeistert und nachhaltig geprägt. Habe ich hier doch deutlich gespürt, dass ich mit Handicap genauso wertvoll bin wie jeder andere Mensch auch. 

Meine erste Tauchreise führte mich mit 14 anderen Tauchern zusammen in ein Hüttendorf in der Nähe von Marsa Alam. 13 Fußgänger und zwei Rollifahrer mitten in der Wüste – das Abenteuer begann! Barrierefreiheit war ein Fremdwort in diesem Dorf, wir wohnten in spärlichen Bambushütten und was nicht passte wurde passend gemacht. Und ich habe eine wichtige Erfahrung gemacht: weniger Komfort bedeutet sehr häufig auch weniger Barrieren :-). Wenn die Hütte keine Eingangstür hat, sondern stattdessen ein großes Loch mit einem Vorhang, dann ist die Sorge über zu schmale Türen völlig überflüssig ;-). Und so ein Vorhang bewegt sich im Wind und ist nie ‚ganz zu‘, was den großen Vorteil hat, dass ich gleich beim Aufwachen von der Sonne angestrahlt wurde und sobald ich die Augen öffnete, auf das glitzernde Meer schauen konnte. Für die Stufe vor der Hütte zimmerten die Mitarbeiter des Dorfes kurzerhand eine Rampe. Die Hilfsbereitschaft der Ägypter war überwältigend, ich fühlte mich wie eine Königin. Oft brauchte ich nur die Hütte verlassen und sofort stand einer der Mitarbeiter parat, um mich zu unserem Treffpunkt zu bringen. Wir trafen uns zum Essen, Reden, usw. in einem Zelt (der Ausdruck ist allerdings auch schon übertrieben), mit lauter Polstern auf dem Boden. Wir lebten hier ähnlich wie die Beduinen – einfach herrlich! Die Schwierigkeit, mit dem Rolli durch den Wüstensand zur Tauchbasis direkt am Meer zu gelangen, wurde kurzerhand mit einem ‚Donkey-Taxi‘ gelöst. Ein Esel wurde vor einen Karren gespannt, mit dem ich dann immer vom Dorf zur Tauchbasis und zurück chauffiert wurde. Das war ein Spaß!

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Die Tatsache, dass wir als Rollifahrer deutlich in der Minderheit waren, sorgte dafür, dass es überhaupt keine Schwierigkeiten gab, wenn ich einmal Unterstützung brauchte. Es verteilte sich auf viele Schultern und ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, eine Belastung zu sein. Ich war ein Teil der Reisegruppe wie jeder andere auch und wir hatten zusammen eine Menge Spaß, haben nicht nur großartige Tauchgänge erlebt, sondern auch großartige Abende mit ganz viel Bauchweh vor lauter Lachen :-D. 

Als besonderes Highlight wird mir immer unsere Nacht in der Wüste in Erinnerung bleiben. Wir planten, abends nach dem Tauchen tiefer in die Wüste zu fahren und dort unter freiem Himmel zu übernachten. Das erste Mal erlebte ich, dass Magdi Bedenken hatte, ob es für mich möglich wäre dabei zu sein, da es dort natürlich kein WC geben würde. Doch ich hatte schnell eine Lösung für mein Toilettenproblem auf Lager, mein Toilettenstuhl reiste einfach mit in die Wüste und war zu späterer Stunde und nach entsprechendem Getränkekonsum auch bei den anderen sehr beliebt ;-). 

Nach unserer Ankunft in der Wüste genossen wir zunächst den überwältigenden Sonnenuntergang (da Ägypten recht nah am Äquator liegt, geht die Sonne um 6 Uhr auf und um 18 Uhr wieder unter). Währenddessen hatte der Koch, der uns aus dem Dorf ‚mitgegeben‘ wurde, bereits eine Feuerstelle eingerichtet und zauberte uns ein wundervolles Abendessen. Nachdem wir lecker gegessen hatten, wurde bei dem ein oder anderen guten Drink bis in die Nacht gequatscht. Irgendwann haben wir uns dann in Teppiche eingerollt und geschlafen. Unter dem Sternenzelt einzuschlafen, war unbeschreiblich. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele funkelnden Sterne gesehen, alles war schwarz, nur der Mond und die Sterne strahlten. Aufgrund der Tatsache, dass der nächste Ort viele Kilometer entfernt war und daher keinerlei störende Lichtquellen die Aussicht in den Himmel beeinträchtigten, erlebte ich den genialsten Sternenhimmel meines Lebens!  So viele funkelnde Sterne – unbeschreiblich… 

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Diese Nacht wird mir ganz sicher für immer in Erinnerung bleiben. Es war einfach ein großartiges, wundervolles, gigantisches Erlebnis… Denn in diesem Erlebnis hat sich all das widergespiegelt, was diese Reise für mich bedeutet hat. Die Taucherlebnisse waren zweifellos wunderschön und ich habe erleben dürfen, was es heisst, im hier und jetzt zu sein und einfach nur zu genießen, zu schweben. Und doch war diese Reise noch viel mehr. Die Unbeschwertheit, die Lebensfreude, die Zugehörigkeit, das Geschenk, ein Teil von etwas zu sein, angenommen zu sein und lauter verrückte Dinge zu tun (die für Rollifahrer eher nicht normal sind ;-))!

Diese Reise ist mittlerweile 14 Jahre her und jetzt gerade beim Schreiben merke ich, wie bedeutsam diese Erlebnisse und Erfahrungen für mein weiteres Leben waren. Damals wurde der Grundstein gelegt für meine Überzeugung, dass ALLES möglich ist und das meine Behinderung noch lange kein Grund ist, auf ein geniales Leben zu verzichten. 

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Und es blieb nicht meine letzte Reise nach Ägypten! Im darauf folgenden Jahr fuhr wieder mit in das Dorf in der Nähe von Marsa Alam. Dieses Mal hatte ich meinen Großvater ‚im Gepäck‘. Er war so begeistert von meinen Fotos und Erzählungen, dass er das unbedingt mit eigenen Augen sehen wollte. Kurz nach seinem 80. Geburtstag begaben wir uns auf die Reise, die mir sicher für immer in unvergesslicher Erinnerung bleiben wird. Wer kann schon sagen, dass er mit seinem Opa in der Wüste Urlaub gemacht hat? Opa war in der Gruppe überaus beliebt und alle schätzten seine humorvolle Art. Er wurde liebevoll Opa genannt und hat es sichtlich genossen, mit so vielen jungen Leuten unterwegs zu sein. 

Knapp zehn Jahre später, wenige Monate vor seinem 90. Geburtstag war uns allen klar, dass die Zeit des Abschiednehmens näher rückte. Das Reden fiel ihm schwerer und wir überlegten uns, gemeinsam ein Video zu schauen – von unserer gemeinsamen Ägyptenreise. Und beim Schauen des Videos blühte Opa sichtlich auf, er erinnerte sich an viele Begebenheiten auf der Reise (z.B. den Kamelritt in der Wüste) und die Menschen, mit denen wir viel Zeit verbracht hatten. Es war unser letzter gemeinsamer Tag bevor Opa wenige Tage später für immer einschlief. Für mich hätte der Abschied nicht schöner sein können… 

Ich unternahm in den folgenden Jahren weitere Tauchreisen, über die ich sicher auch noch berichten werde. Doch die allererste Tauchreise wird mir immer in besonderer Erinnerung bleiben. Ich bin Magdi und Martina sehr dankbar, dass sie mir diese Erfahrungen ermöglicht haben und ich in jedem Moment erleben durfte, dass es überhaupt keine Rolle spielte, ob ich im Rolli saß oder nicht. Ich gehörte ganz selbstverständlich dazu und all das ohne großes Tamtam. Magdi und Martina, Ihr habt das einfach gelebt, was heute Inklusion genannt wird (und damit ja ungewollt auch wieder eine ‚Sonderrolle’ installiert) und ich bin froh, dass es in Eurem Wortschatz diese Bezeichnungen einfach nicht gab. Danke für diese großartigen Erlebnisse, die für mein Leben definitiv einen Unterschied gemacht haben! Ihr habt mir in zu Beginn meiner neuen Lebensphase gezeigt, dass ALLES möglich ist und wir gemeinsam immer einen Weg finden werden. Eine Person möchte ich nicht vergessen! Danke an meinen ersten Tauchpartner, meinen Buddy Björn – mit Dir habe ich die unglaubliche Schönheit der Unterwasserwelt im Roten Meer entdeckt. Danke für Deine Ruhe und Dein Vertrauen! 

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Es folgten weitere Reisen mit tollen Abenteuern und es gab eine Reihe Menschen, die dazu beigetragen haben, dass dies möglich wurde. Danke!

Erinnerst Du Dich auch an besondere Erlebnisse, die im Nachhinein betrachtet für Dein weiteres Leben einen Unterschied gemacht haben? Ich freue mich immer sehr darüber, solche Momente wieder hervorzuholen, sie in Gedanken noch einmal zu erleben und  dankbar zu sein…

Alles Liebe, bleibt fröhlich, 

Eure Ela 

P.S. Magdi und Martina betreiben nun schon seit mehr als 10 Jahren eine Tauschule in Hurghada. Mir fällt gerade auf, dass mein letzter Besuch im Ilios Dive Club schon viel zu lange her ist…

Glaub nicht alles, was Du denkst!

Wie viele Menschen erzählen mir, was alles nicht geht… Das sind ihre Gedanken, die ihnen Grenzen setzen. Und gleichzeitig mein Ansporn, denn für mich gibt es (fast) kein ‚geht nicht‘. Wie viele Abenteuer durfte ich  schon erleben und genießen, die mir bewiesen haben, dass ich richtig liege mit meinen Gedanken.

So leicht es mir fällt, Gedanken über Grenzen hinsichtlich meiner Möglichkeiten Abenteuer zu erleben, umzulenken und daraus Pläne wachsen zu lassen, um so schwerer fällt es mir in anderen Bereichen meines Lebens. Gerade habe ich für mich erkannt, dass ich mir in anderen Lebensbereichen mit meinen Gedanken durchaus Grenzen setze. 

In diesen Momenten denke ich nun immer häufiger an Byron Katie, die den Satz geprägt hat „Glaub nicht alles was Du denkst!“. Wie recht sie hat. Die Sache mit den Glaubenssätzen. Unsere Glaubenssätze erscheinen uns wahr. Wir haben sie so verinnerlicht und leben nach ihnen, ohne sie zu hinterfragen. Sie beeinflussen unsere Gedanken und unser Handeln. Wie viele Jahre habe ich mit dem Gedanken gelebt, dass ich aufgrund meines Handicaps nichts wert bin? Viel zu viele! Ich habe es geglaubt, unbewusst permanent nach Beweisen für meine Annahme gesucht und gleichzeitig alles gegeben, um das Gegenteil zu beweisen. 

Ich habe mich abgearbeitet in Freundschaften und Ehrenämtern, nur um zu beweisen, dass ich etwas wert bin. Ich war der festen Überzeugung, dass ich die Gesellschaft nur mit meiner Leistung davon überzeugen kann, dass ich trotz meines Handicaps wertvoll bin. Doch das Gefühl, etwas wert zu sein, stellte sich einfach nicht ein. Kein Wunder, wie soll ich die Wertschätzung anderer annehmen, wenn ich mich selbst nicht annehmen und wertschätzen kann? Und mit dem Fokus darauf, immer wieder ‚Beweise‘ zu finden, dass ich aufgrund meiner Behinderung nicht anerkannt werde, stellt sich das Gefühl auch nicht ein. Und natürlich gab es Menschen, die mir Beweise lieferten, die genau diese Gedanken bestätigten. Sei es der Sachbearbeiter bei der Krankenkasse, der mir mit seiner Ablehnung meines Antrages auf einen neuen Rollstuhl mit guter Ausstattung mitteilt, sie seien lediglich dafür zuständig, dass ich mich 500 m von zu Hause wegbewegen kann, mehr stehe mir nicht zu. Oder die Firma, bei der ich mich bewarb und die mir meine Bewerbung zurück schickten, ich mein eigenes Anschreiben in den Händen hielt und sah, dass der Hinweis auf meine Behinderung dick unterstrichen wurde. Die  Situationen, in denen ich auch in meinem unmittelbaren Umfeld erfahren habe, dass ich ja froh sein könne, wenn ich trotz Handicap eine Arbeit, einen Partner, usw. finden würde, kann und will ich nicht zählen.  

Ich könnte unzählige weitere Beispiele nennen, habe ich doch viele Jahre fleißig Beweise gesammelt, die mich in der Annahme bestätigen, nicht wertvoll zu sein. Heute erkenne ich, dass das Verhalten und die Aussagen mehr über die jeweilige Personen aussagen, als über mich. Und dass es ihre BeWERTung ist. Doch wer entscheidet über den Wert eines jeden einzelnen? 

Ich habe viel darüber nachgedacht und für mich entschieden, dass ich wertvoll bin, völlig unabhängig von äußeren Umständen. Ich habe mich für mich entschieden und suche nicht mehr nach Beweisen, die mir das Gegenteil belegen. 

Diese Entscheidung FÜR MICH hat so viel spannende Dinge zur Folge. Seit dem Moment, in dem ich mich entschieden habe, mich um meiner selbst Willen anzuerkennen und meinen Wert nicht länger über Leistung zu definieren, pflege ich nicht nur einen liebevolleren Umgang mit mir selbst und habe ein deutlich entspannteres Leben, es erreichen mich auch viele wertschätzende Worte und Gesten. 

Und so langsam finde ich immer mehr heraus, dass ich mit meinen Gedanken nicht nur nach Beweisen für blöde Glaubenssätze suchen oder diese entlarven und gegensteuern, sondern ganz viele wundervolle Dinge tun kann: mir neue Abenteuer ausdenken, Perspektiven und Möglichkeiten erkennen, Pläne schmieden, gut über mich und andere denken, … Meine Gedanken können so viel mehr, als ich ihnen bisher zugetraut habe! Sie können mich beflügeln! 

Wie beschäftigst Du Deine Gedanken? 

Du bist dort wo Deine Gedanken sind. Sorge dafür, dass Deine Gedanken da sind, wo Du sein möchtest! 

Alles Liebe, bleibt fröhlich, 

Eure Ela

#8 – Mit dem Wind als ‚Motor’…

In 20 Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die Du getan hast. Also löse die Knoten, laufe aus dem sicheren Hafen aus und erfasse mit deinen Segeln die Winde.  – Mark Twain –

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Die letzten Wochen war es recht ruhig auf meinem Blog. Das hatte einen guten Grund! Ich war viel unterwegs, habe jede Menge erlebt und so auch reichlich Stoff für viele künftige Blogposts mitgebracht :-D. Heute nehme ich Euch wieder mit aufs Wasser ;-)… 

Eine Woche lang war ich mit der Lutgerdina segeln. Ein großartiges Erlebnis, nachdem ich mich schon sehr lange gesehnt hatte. Als Kind bin ich öfter mit meinem Onkel auf der Maas in Holland gesegelt, als junge Erwachsene war ich mit Freunden für eine Woche auf einem größeren Segelschiff in Zeeland unterwegs. Ich habe diese Zeiten immer sehr genossen und als absoluter Wasserfan hegte ich schon lange den Wunsch, dieses Abenteuer erneut zu erleben, nun mit Rolli. 

Segelboote und Barrierefreiheit sind nun nicht unbedingt eine gewöhnliche Kombination… Einige Jahre war dieser Wunsch schon in meinem Hinterkopf, bis mich letztes Jahr die Segel-Sehnsucht endgültig packte und ich nicht länger warten wollte… Einige Wochen habe ich fleißig recherchiert. Ich mag es ja gerne so ‚unbehindert‘ wie möglich. Ein Fan von Gruppenreisen nur mit anderen Menschen mit Behinderung war ich noch nie. Ich dachte mir, so viel Behinderung auf einen Haufen, das könne nicht gut gehen und es erschien mir auch zu langweilig ;-). Zudem hatte ich, immer wenn ich mal mit mehreren Menschen mit Behinderung zusammen war, die Erfahrung gemacht, dass doch bei vielen Menschen der Jammerfaktor eine große Rolle in ihrem Leben spielt und das einzige Gesprächsthema oft war, wie schlecht es uns Behinderten doch geht, wie schwer alles ist und überhaupt sei das Leben ja nur schrecklich. Wer mich kennt weiß, dass dies überhaupt nicht meinem Stil entspricht und ich mich viel lieber auf das konzentriere, was alles möglich ist, mein Leben genieße und einfach gerne Spaß habe. Daher habe ich mich lange gesträubt, überhaupt den Gedanken zuzulassen, dass eine Segelreise mit einem barrierefreien Schiff und anderen Menschen mit einem Handicap eine gute Lösung wäre, um mir meinen Wunsch zu erfüllen. Insgeheim hatte ich gehofft, dass es eine Möglichkeit gibt, mit Fußgängern auf einem ganz normalen Schiff, dass groß genug ist, damit ich mit Rolli drauf passe, eine Reise zu unternehmen. So mag ich es am liebsten und kenne es ja auch von meinen Tauchreisen (über die ich an anderer Stelle noch berichten werde) und bin aus dieser Zeit natürlich sehr verwöhnt. 

In dieser Zeit der Recherche realisierte ich noch einmal, wie wertvoll diese Erlebnisse waren, die meine Tauchfreunde mir damals geschenkt haben. Unser Tauchlehrer war ein großartiges Vorbild in Sachen Inklusion, obwohl es das Wort zu dieser Zeit noch nicht einmal gab ;-). Es war selbstverständlich, dass ich in einer Gruppe mit lauter Fußgängern als Rollifahrerin dabei war und was nicht passte, wurde passend gemacht. Diese Erlebnisse in der Anfangszeit meiner ‚Rolli-Karriere‘ haben mir so viel Mut gemacht und letztendlich auch den Anstoss gegeben, meine Abenteuerlust zu leben, weil eben alles möglich ist. 

Nun wollte ich unbedingt wieder einmal Segeln und es tat sich einfach keine Möglichkeit auf, dies in einer Gruppe zu erleben, so wie ich es vom tauchen kannte. Nun dachte ich erstmals ernsthaft darüber nach, eine Gruppenreise in Erwägung zu ziehen. Ich überlegte mir, dass die Menschen mit Handicap, die Segeln gehen, was ja nun nicht gerade alltäglich ist, bestimmt genauso bekloppt seien würden, wie ich mit meiner unbändigen Neugier auf neue Abenteuer, denn so ein Segeltörn ist ja schließlich nichts für Stubenhocker und Jammerlappen ;-). Mit der niederländischen Organisation Sailwise fand ich den für mich idealen Anbieter. Von April bis Oktober bieten sie mit der Lutgerdina Segelreisen ab Enkhuizen/Ijsselmeer an. Damit es auch bestimmt nicht langweilig wird, habe ich mich für dieses holländische Angebot entschieden. So würde ich auch gleichzeitig gefordert sein, meine Niederländischkenntnisse weiter zu verbessern, Segeln alleine war ja noch nicht aufregend genug ;-). 

Wenn ich heute an die Reise zurück denke, erinnere ich mich gerne an das Segeln, die Atmosphäre auf dem Wasser, die Menschen an Bord und die schöne Landschaft. Vor allem aber habe ich viele eindrückliche Erlebnisse und Erkenntnisse mitgebracht, die mich verändert haben und sicher noch lange nachwirken werden. So ist dies kein typischer Reisebericht, auch wenn ich natürlich gerne ein bisschen davon erzählen, wo wir gesegelt sind und was wir gesehen und erlebt haben. In erster Linie wird es aber ein sehr persönlicher Bericht, denn diese Reise hat das bestätigt, was ich schon in einem meiner vorherigen Blogposts (#5) geschrieben hatte. Kein Mensch kehrt von einer Reise zurück, wie er weggefahren ist…

Die Vorfreude aufs Segeln stieg mit jedem Tag, den die Reise näher rückte… Ich konnte es kaum erwarten, dass es endlich losgeht… Auf dem Weg zum Schiff erlebte ich mit der Überquerung des Ijsselmeeres schon das erste beeindruckende Szenario. Von Lelystad aus führt eine fast 30 km lange Straße mitten durchs Meer nach Enkhuizen. Es ist nur die Straße, die auf einem gebauten Deich durchs Meer führt, ein irres Gefühl, quasi direkt auf dem Wasser zu fahren. 

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Umso ernüchternder war meine Ankunft auf der Lutgerdina im Heimathafen in Enkhuizen… Zwar wurde ich sehr herzlich von den Freiwilligen und der Crew empfangen, doch Ich gebe ehrlich zu, dass ich bei meiner Ankunft  überrascht war, nein ehrlich gesagt, sogar ein bisschen schockiert. Ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dass die Handicaps der meisten Reisegefährten deutlich stärker ausgeprägt sein würden, als meine eigenen. Es ist nicht gerade schmeichelhaft für mich, doch ich gebe zu, dass ich tatsächlich Vorurteile hatte und zunächst nicht wusste, wie ich damit umgehen soll, obwohl ich ja einige Jahre mit Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen gearbeitet und grundsätzlich überhaupt keine Berührungsängste habe. 

Aus heutiger Sicht war mein Problem wohl viel mehr, dass ich ‚eine von denen war’. Ich tat mich offenbar sehr schwer, anzunehmen, dass ich nicht ohne Grund eine Reise auf diesem barrierefreien Schiff gebucht hatte. In dem Moment versuchte ich, es mir ein bisschen schön zu reden, in dem ich mir sagte, ich sei ja zum Segeln hier und bräuchte ja nicht unbedingt mit den anderen zu viel zu tun haben. Wer schon einmal eine Woche lang Tag und Nacht mit anderen Menschen auf einem Boot war, weiß, dass dieser Plan natürlich nicht aufging ;-). 

Und das war auch gut so. Ich ärgere mich sehr oft darüber, dass ich aufgrund meiner Behinderung unterschätzt werde. Und diese Situation hielt mir einen Spiegel vor, denn ich tat in diesem Moment nichts anderes, als die anderen Menschen nur nach dem ersten Eindruck, äußeren Umständen und meinen eigenen Gedanken zu beurteilen – und das ist einfach nur unfair. So bin ich sehr dankbar, dass ich während der Woche ganz tolle Erlebnisse mit meinen Mitseglern erleben, mit ihnen viel Spaß haben und die individuellen Talente eines jeden Einzelnen kennen-  und schätzen lernen durfte. So habe ich selbst am allermeisten aus dieser Erfahrung gelernt. Ich möchte nicht aufgrund eines erstens äußerlichen Eindrucks in eine Schublade gesteckt werden und genau das werde ich mit anderen Menschen in Zukunft genauso wenig tun. So war diese Woche nicht nur in Sachen Segeln spannend und lehrreich. 

Nachdem am Nachmittag alle Teilnehmer eingeschifft hatten, starteten wir von Enkhuizen aus auf das Ijsselmeer und segelten einige Stunden Richtung Waddenzee. Die erste Nacht verbrachten wir vor Anker in Höhe von Mirns und wurden zum Tagesabschluss mit einem großartigen Sonnenuntergang verwöhnt.

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Am zweiten Tag ging es dann weiter Richtung Waddenzee. Gleich zu Beginn der Reise erlebte ich mein persönliches Highlight. Mit Unterstützung von Jafeth und Hilde ‚kletterte‘ ich ins Klüvernetz, um die Seile vom Klüversegel zu lösen. In diesem Moment spürte ich das erste Mal, was die Segelreisen mit Sailwise zu etwas ganz Besonderem machen. Es ist keine ‚Ausfahrt‘, zu der Menschen mit Handicap gnädigerweise mitgenommen werden. Wir dürfen und sollen uns voll einbringen und die Crew und Freiwilligen unterstützen uns, soweit nötig, damit wir ALLES machen können, was beim Segeln zu tun ist. Auch wenn es mal etwas länger dauert oder kreative Lösungen gefragt sind: Geht nicht gibt es hier wirklich nicht! Die Lutgerdina wird von allen gemeinsam gesegelt!  

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Gegen Abend erreichten wir die Nordsee (Waddenzee auf Niederländisch) und übernachteten im Hafen des schnuckeligen Städtchens Harlingen. Der dritte Tag bescherte uns dann allerbestes Segelwetter (Sonne UND Wind), das nutzen wir natürlich aus und segelten unter den Inseln Terschelling und Ameland entlang bis in die späten Abendstunden. Die Nacht verbrachten wir vor Schiermonnikoog vor Anker und starteten am nächsten morgen Richtung Lauwersmeer, das wir durchsegelten und von dort aus die Kanäle Frieslands erreichten. Bei allerbestem Sommerwetter genossen wir die niederländische Landschaft, während wir ganz entspannt durch den Kanal Richtung Dokkum segelten. Hier genossen wir ein gemütliches Abendessen in einem tollen Restaurant und blieben die Nacht im Hafen, bevor es am nächsten Tag entspannt weiterging über Leeuwarden nach Franeker. Auch dieses zauberhafte Städtchen hat mich in meiner Liebe zu Holland wieder ein mal bestätigt. Ich hoffe, ich kann Euch mit meinen Bildern ein bisschen von der besonderen Atmosphäre vermitteln. 

Am nächsten Tag ging es dann via Harlingen zunächst zurück auf die Waddenzee und dann gleich durch die Schleuse Kornwerderzand zurück aufs Ijsselmeer. Unsere Reise neigte sich nun bereits dem Ende entgegen und so mussten wir langsam daran denken, den Heimathafen wieder ins Visier zu nehmen. An diesem vorletzten Tag hatte ich die Ehre Steuerfrau zu sein und ich habe wohl einen guten Job gemacht, denn wir sind ohne Kollisionen in Stavoren angekommen ;-). Am Abend ankerten wir zunächst vor der Küste, um unseren letzten gemeinsamen Abend würdig mit einem Grillfest an Bord zu begehen. Mit einigen anderen habe ich mich dann noch von Bord in die Fluten gestürzt und es genossen, die Lutgerdina zu ‚umschwimmen‘ und das Schiff vom Wasser aus zu sehen. Dank der großartigen Crew war auch der Weg zurück an Bord kein Problem. Uns allen wurden an diesem Abend noch einmal unvergessliche Erlebnisse geschenkt. Wer nicht schwimmen mochte, wurde von Jafeth mit dem Speedboat spazieren gefahren. Ungeachtet der körperlichen Beeinträchtigungen wurde es jedem ermöglicht, diese Erfahrungen zu machen. 

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Wir alle erlebten ein Stück neue Freiheit in diesen Tagen und ich denke, dass nicht nur mir diese Reise großartige Erlebnisse und neue Lebensqualität geschenkt hat. Nach einem letzten Frühstück an Deck bei strahlend blauem Himmel, ging es am nächsten Tag von Stavoren aus in den Heimathafen Enkhuizen. Den letzten Segeltag genoss ich bei bestem Wind noch einmal in vollen Zügen – wer weiß, wie lange ich auf mein nächstes Segelabenteuer warten muss… Hoffentlich nicht allzu lange…

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Ich liebe es auf dem Meer zu sein und mir den Wind um die Nase pusten zu lassen. Und wenn dieser Wind dann auch noch der ‚Motor‘ ist, mit dem wir uns fortbewegen, ist das eine unbeschreibliche Atmosphäre, die ich sehr gerne schon ganz bald und in Zukunft häufiger erleben möchte! Vielleicht erfüllt sich mein Traum von einer Segelreise mit Fußgängern ja noch… Das würde das Abenteuerpotenzial für mich dann nochmal ordentlich steigern, da ich mich nicht auf die hundertprozentige Barrierefreiheit verlassen, sondern mir selber wieder kreative Lösungen einfallen lassen kann :-). Ich bin bereit :-D! 

Neben all diesen wundervollen Erlebnissen nehme ich noch etwas mit zurück in meinen Alltag! Ich vermute, in keiner Woche meines Lebens habe ich bisher so viele aufbauende, wertschätzende, einfach positive Worte gehört. Es ist mir schon oft aufgefallen, wenn ich mit meinen niederländischen Freunden zusammen war und in dieser Woche noch einmal ganz besonders… Ich hätte mitzählen sollen, wie oft am Tag ich „prachtig“, „leuk“ und „geweldig“ gehört habe. Wie oft am Tag sprichst Du aus, dass Dir etwas gefällt, Du es großartig oder einfach nur schön findest? Ich möchte in meinem Leben den Fokus auf die guten, schönen, wundervollen und großartigen Momente und Dinge legen und diese teilen! Macht mit! Lasst es uns gemeinsam tun, uns gegenseitig auf die schönen Dinge des Lebens aufmerksam machen! Im Kleinen fängt es an und entfacht eine große Wirkung! Sei dabei! 

Alles Liebe, bleibt fröhlich, 

Eure Ela

P.S. Ein riesiges Dankeschön möchte ich an dieser Stelle der großartigen Crew der Lutgerdina aussprechen:  Arjen, Jafeth und Stephan – Ihr macht einen Unterschied! Und ganz besonderen Dank an Karin, Monique, Elly, Pum, Hilde, Ellen und Annemiek, Ihr habt uns Eure freie Zeit für dieses unvergessliche Erlebnis geschenkt – DANKE! 

Mehr über Sailwise: Die niederländische Organisation Sailwise bietet seit mehr als 40 Jahren Wassersportaktivitäten für Menschen mit einem Handicap an. Der Fokus liegt immer auf den Möglichkeiten, nie auf den Einschränkungen! Für alle, die mehr erfahren möchten, empfehle ich die Webseite, die auch in deutscher Sprache verfügbar ist: https://sailwise.nl/de. 

#7 – ALS TEAMPLAYER ERFOLGREICH

Sport war noch nie meine größte Leidenschaft, schon als Kind galt ich als ‚heingemütlich‘, habe recht spät mit dem Laufen begonnen… Bewusst erinnern kann ich mich daran, dass ich als Teenager jedes Mal, wenn ich ich mich aufgerafft und sportlich betätigt hatte, anschließend Schmerzen hatte und mich nicht wohl fühlte… Das trug natürlich nicht gerade zur Motivation bei und so ließ ich es dann irgendwann mit dem Sport. Heute ist mir klar, warum mein Körper in dieser Zeit so reagierte… Mein Immunsystem spielt verrückt und so bekämpft mein Körper sich selber, da brauchte er nicht noch zusätzlichen Stress…

Seit über 15 Jahren bin ich mit dem Rolli unterwegs und hab auch in dieser Zeit immer wieder kurze Versuche gestartet, doch noch sportlich zu werden ;-). Jedes Mal wieder reagierte mein Körper deutlich und zeigte mir, dass ihm meine Ambitionen nicht gefielen. 

Nun weiß jeder Mensch, dass Bewegung gut für den Körper ist und so ließ mich das Thema nie ganz los. Die Erfahrungen der Vergangenheit erstickten jedoch jeden Hauch von Motivation im Keim… Im letzten Jahr habe ich dann doch noch einmal Mut gefasst und habe verstärkt mein Motomed (quasi ein Heimtrainer-Fahrrad für die Arme) gequält und wieder konnte ich am Anfang nicht genug bekommen und habe mich täglich damit beschäftigt. Ich dachte, ich bin besonders schlau und habe mir ein Ziel gesetzt, damit ich auf jeden Fall dabei bleibe. Den 20. Buchholzer Stadtlauf, bei dem auf zwei Distanzen zusammen mit den Inline-Skatern auch Handbikes starten können, war dick und fett im Kalender eingetragen. Nach einiger Zeit streikte mein Körper wieder. Ich hatte nicht mal mehr Kraft, die Kurbeln am Motomed in Bewegung zu setzen, selbst im Alltag den Rolli anzuschieben grenzte auf einmal an Überforderung… Der ganz große Frust war vorprogrammiert, dieses Mal wollte ich doch so unbedingt am Ball bleiben… 

Nun war erst einmal Schonung angesagt, damit mein Körper wieder zu Kräften kommen konnte… Eine Zeit, in der ich nach der Arbeit täglich intensiv Zeit mit meiner Couch verbrachte… Und viel Zeit zum Nachdenken hatte… Im Nachhinein eine sehr wertvolle Zeit, die mir wichtige Erkenntnisse brachte. Ich habe in meinem ganzen Leben nie wirklich auf meinen Körper und seine Bedürfnisse geachtet, nur gefordert, statt Rücksicht auf seine Ressourcen zu nehmen. Das konnte nicht gut gehen. Wenn ich mir vorstelle, man achtet in einem Unternehmen nicht auf die Bedürfnisse seines wichtigsten Mitarbeiters und erwartet immer Höchstleistungen, gönnt keinen Urlaub, nicht mal eine Pause. Wie lange geht das gut? 

Nachdem mein Körper wieder zu Kräften gekommen war, habe ich ganz langsam wieder angefangen, mit dem Motomed zu trainieren. Erst einmal in der Woche für fünf Minuten, dann zweimal in der Woche für 10 Minuten, … Nach und nach traute ich mir immer mehr zu UND achtete auf ausreichend Pausen zwischen den ‚Sporteinheiten‘. Anfang April holte ich dann das erste Mal mein Handbike aus dem Schuppen und begab mich mit Begleitung auf eine erste Testfahrt… Es ging erstaunlich gut :-)! Sollte es doch noch etwas werden mit meinem Ziel? Ich war wieder guter Dinge… Anfang Mai intensivierte ich im Urlaub mein Training. Da ich richtig viel schlief und ausruhte, verkraftete mein Körper in dieser Zeit auch ein tägliches Training. Und sobald er mir das Gefühl gab, dass es keine gute Idee war meine Runde zu drehen, wurde ein Pausentag eingelegt. All den Druck, den ich mir immer gemacht hatte, dass ich jeden Tag und immer leisten muss, habe ich aus meinem Leben verbannt und seitdem ich die Ressourcen meines Körpers achte und mit ihm in einem Team spiele, habe ich soviel mehr Energie. Das tut richtig gut!

Die Anmeldung zum Stadtlauf hatte ich nie storniert und je näher der Termin rückte, umso entspannter wurde ich, denn ich wusste, dass ich die Strecke von 9,5 km schaffen würde. Ich musste auch keinen Pokal gewinnen, durchkommen würden mir reichen. 

Am 17. Juni 2018 war es dann so weit, mein erstes Rennen stand an! Ich fühlte mich gut vorbereitet, stärkte mich morgens mit einem leckeren Obstsalat und startete dann frohen Mutes Richtung Buchholz. Dort wurde ich dann auch schon von meinem kleinen Fanclub begrüßt :-D! Meine Nichte und mein Neffe hatten extra für dieses Ereignis Schilder gebastelt und konnten es kaum erwarten, mich anzufeuern ;-). Vom Bürgermeister höchstpersönlich wurden wir Handbiker um 9.06 Uhr auf die 1,9 Kilometer lange Runde geschickt, die wir fünf Mal zu bewältigen hatten. 

Schon am Start staunte ich nicht schlecht und musste bereits nach wenigen Sekunden feststellen, dass meine Mitstreiter technisch deutlich besser ausgerüstet waren als ich. Es war so ein bisschen Smart gegen Porsche oder treffender verglichen, als würde ich mit einem old-school-3-Gang-Damen-Rad bei den Cyclassics gegen die Rennradfahrer antreten. Was macht ‚man‘ am besten in so einer Situation? Was ‚man‘ macht, weiß ich nicht, ich habe es auf jeden Fall mit Humor genommen und da die anderen Handbiker ja schnell weg waren, konnte ich mein Rennen in meinem Tempo fahren.

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Tatsächlich habe ich festgestellt, dass mein Bike für solche Veranstaltungen offenbar nicht geeignet ist, zumindest nicht, um Pokale abzuräumen. Doch das war ja nie mein Ziel und daher hatte ich richtig Spaß, hab das Rennen genossen und mich darüber gefreut, festzustellen, dass ich wirklich gut vorbereitet war und ich die Strecke ohne Probleme fahren konnte. Ich fühlte mich richtig gut dabei und wusste die ganze Zeit, dass ich es gut schaffen werde. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Satz, den ich aufschnappte, als ich am Straßenrand ein Pärchen passierte: „Guck mal wie die strahlt!“ Es klang ein bisschen ungläubig und vermutlich waren sie verwundert, dass ich als Schlusslicht mit der besten Laune im Feld unterwegs war ;-). 

Mit meiner Ankunft im Ziel belohnte ich mich dann noch mit einer persönlichen Bestzeit und war mächtig stolz auf mich. Das war schon ein tolles Gefühl, es so gut geschafft zu haben. Ich hatte eine Zeit von 50 bis 55 Minuten angestrebt und wollte unbedingt unter einer Stunde bleiben. Mit den 45:08 Minuten habe ich mich selbst für meine Disziplin und mein Durchhaltevermögen und vor allem dafür belohnt, dass ich in dieser Zeit gelernt habe, auf meinen Körper zu achten und ihm die Ruhepausen zu gönnen, die er braucht, um mit mir dann solche Abenteuer zu bestehen! 

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Was ich aus dieser Erfahrung mitnehme… Ich brauche Ziele im Leben. Hätte ich das Ziel nicht im Kalender stehen gehabt, wäre ich nach dem großen Frust mit der enormen körperlichen Schwäche sicher nicht wieder mit dem Training angefangen. Und ich bin noch immer keine große Sportlerin und werde das wahrscheinlich auch nie werden ;-). Ich muss mich nach wie vor aufraffen, zu trainieren. Daher bin ich schon jetzt auf der Suche nach einem nächsten Rennen, damit ich dabei bleibe – nach meinen Möglichkeiten und Kräften (und denen meines Bikes ;-)). Bei aller Zielstrebigkeit möchte ich jedoch nie wieder vergessen, dass mein Körper Respekt und Wertschätzung verdient und es in allererster Linie um sein Wohlergehen geht. Wenn der wohldosierte Sport dazu beiträgt ist alles gut, dann gebe ich mir größte Mühe, am Ball zu bleiben, um Kondition und Beweglichkeit zu erhalten. Ich brauche meinen Körper schließlich noch, damit er meinen Kopf durch die Gegend trägt und daher sind wir ab sofort nur noch als Teamplayer unterwegs :-). 

Seid gut zu Euch und bleibt fröhlich, 

alles Liebe, Eure Ela

#6 – Wasser ist MEIN Element

Eines der ersten Abenteuer in meinem Leben auf vier Rädern war das Wasserskifahren. Es ist schon eine ganze Weile her und hat Eindruck hinterlassen :-)! So kann ich mich auch nach 14 Jahren noch gut an dieses besondere Erlebnis erinnern. 

Wasserski und Rollstuhl bringt man ja nun nicht gerade auf Anhieb miteinander in Verbindung ;-). Viele Menschen in meinem Umfeld konnten sich nicht vorstellen, dass dies überhaupt möglich ist. Das waren ihre Grenzen, nicht meine ;-). Im Internet war ich auf die wunderbare Gerda Pamler gestoßen. Seinerzeit amtierende Weltmeisterin im Wasserski und absolute Spitzensportlerin mit mehrfachen paralympischen Erfolgen im Monoski. Gerda bot auf ihrer Webseite ein Wasserski-Schnupper-Camp am Bundesleistungszentrum Nord in der Feldberger Seenlandschaft an. Da alle anderen Camps weit im Süden oder im Ausland stattfanden, ergriff ich sofort die Chance auf dieses Abenteuer. Meine Freundin Frauke begleitete mich nach Feldberg und ich war absolut neugierig auf dieses Erlebnis. Wasser war schon immer MEIN Element… 

Beim Wasserskifahren war ich nur leider kein Naturtalent ;-). Trotz Gerdas Unterstützung und der exakten technischen Anweisungen, die ich 1:1 umsetzte, kam ich einfach nicht aus dem Wasser… Aufgeben ist ja nun gar nicht meine Disziplin und so folgte ein Startversuch nach dem anderen… Zwischendurch schaute ich den anderen Teilnehmern zu, wie sie in ihrem speziellen Wasserski über das Wasser fegten… Irgendwann hatte Gerda die zündende Idee, warum ich eher den Wasserski verlor, als aufs Wasser zu kommen. Mein Becken war ein bisschen zu breit für den Ski ;-). Kurzerhand wurde das Sportgerät zum Schlosser gebracht und die Halme etwas auseinander gebogen, so dass ich endlich richtig im Sitz saß. Und schwups gehörten die Startschwierigkeiten der Vergangenheit an :-). Das war ein Wahnsinns-Gefühl! Schon nach wenigen Sekunden war ich entschädigt für all die mühsamen erfolglosen Startversuche! Das schwerelose Gleiten über das kühle Nass… – ein Traum! Und ich kann Euch verraten, in diesem Moment habe ich mich kein Stück behindert gefühlt 😜😂! 

Entscheidung 01

Für erste Schwünge und rasante Turns oder gar Sprünge hat es dann zwar nicht gereicht, was sicher eher der kurzen Zeit des Camp als einem etwaigen mangelnden Talent geschuldet war ;-). 

Da Wasserskicamps für Menschen mit Handicap in Norddeutschland eine absolute Seltenheit waren (und immer noch sind), hat uns während des Trainings der NDR besucht und ich wurde interviewt. Das war vielleicht aufregend :-)! Ich versuche, Euch den Mitschnitt vom Nordmagazin hier zu zeigen. Ob es gelingt, kann ich nicht versprechen, schließlich habe ich die Sendung noch ganz ‚oldschool‘ auf VHS-Kassette aufgezeichnet 😜. 

Auf der Heimfahrt war ich mega begeistert, voller Adrenalin und wild entschlossen, schon ganz bald wieder über das Wasser zu fegen… Leider hat es seitdem aus verschiedenen Gründen dann doch nicht mehr geklappt mit dem Wasserski… Was ja nicht heißt, dass es für immer dabei bleiben muss ;-). Doch der Wassersport hat mich nicht losgelassen, so habe ich mich in das nächste Abenteuer gestürzt und die nächste Schwerelosigkeit erfahren, doch dieses Mal nicht über- sondern unter Wasser :-)! Davon berichte ich Euch ein anderes Mal…

Nichts ist unmöglich, es gibt so viel zu erleben – für jeden!

Alles Liebe, bleibt fröhlich, 

Eure Ela 

P.S. Ich habe bewusst auf die technischen Erklärungen verzichtet, wie es als Rollstuhlfahrer möglich ist, Wasserski zu fahren. Wer sich dafür interessiert, findet alle Infos auf https://www.wasserski-handicap.de. 

#5 – Reisen ist die einzige Möglichkeit Geld auszugeben und dennoch reicher zu werden!

„Hauptsache unterwegs, bloss nicht Zuhause sein.“ Diesen Satz meines Vaters habe ich während meiner Kindheit wohl unzählige Male gehört. Er sprach allerdings nicht über sich, sondern über mich. Ich weiß nicht, woher meine Reiselust, die ich gefühlt schon immer hatte, kam. Von meinen Eltern habe ich sie auf jeden Fall nicht abgeschaut ;-). Die Kindheitserinnerungen an Erlebnisse mit meinem Vater sind rar. Er hat viel gearbeitet und gebaut, erst das Eigenheim für unsere Familie, jeden Tag nach der Arbeit und am Wochenende. Zusammen mit seinem Vater, Stein für Stein. Nach dem Hausbau wurde die eigene Firma gegründet und aufgebaut. Da war nicht viel Zeit und auch kein Geld für Reisen mit der Familie. Und meine Mutter war stets an seiner Seite und hat ihm den Rücken freigehalten. Als Kind fand ich das schon schade, dass wir nicht wie andere Kinder mit ihren Familien in den Urlaub fuhren. Heute habe ich großen Respekt vor der Lebensleistung meiner Eltern und sehe mit dem Abstand und aus der Perspektive einer erwachsenen Frau, dass meine Eltern dieses Leben für sich so gewählt haben, um uns Kindern ein schönes Zuhause zu schenken und eine Perspektive zu schaffen. 

Dankbar bin ich meinen Eltern besonders dafür, dass sie mich immer ziehen ließen, wenn das Reisefieber mich packte. Schon im Kindergartenalter war ich oft mit meiner besten Freundin Inke bei ihrer Oma an der Ostsee. Später folgten die unvergesslichen Kinder- und Jugendfreizeiten der Kirchengemeinde nach Dänemark. Viele Wochenenden und Ferien habe ich bei Freunden verbracht. Je älter ich wurde, umso größer wurde der Radius. Ich war in England, Frankreich, Italien und Polen sowie mit Freunden zum Segeln in Holland. Die ferneren Zielen nahm ich dann später mitsamt Rolli in Angriff ;-). Davon werdet Ihr noch lesen, versprochen :-)!

In letzter Zeit dachte ich immer wieder darüber nach, woher dieses ‚Reisefieber‘ in mir wohl kommt und warum dieses bei mir besonders stark ausgeprägt ist… Letztendlich ist mir der Gedanke gekommen, dass es offenbar ein Ausdruck meiner unbändigen Neugier auf das Leben ist. Ich liebe es, Neues zu entdecken und zu erleben, unbekannte Gegenden zu erkunden, spannende Menschen kennenzulernen und mehr über ihr Leben zu erfahren. Kate Douglas Wiggins wusste schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts, dass eine Art Magie über dem Fortgehen liegt, um dann völlig verändert zurückzukehren und Graham Greene war es, der den Spruch ‚Niemand kommt von einer Reise so zurück, wie er weggefahren ist’ geprägt hat. Wenn ich über meine Reisen nachdenke und mich zurück erinnere, stimme ich den beiden uneingeschränkt zu. Reisen verändert mich als Menschen, ich lerne, überdenke manche bisherigen Überzeugungen und mein Leben wird durch all diese Erfahrungen bereichert.

Wer mich kennt, war wohl kaum verwundert, dass die Ereignisse im Frühjahr 2003, die dazu führten, dass ich mein Leben fortan auf vier Rädern bestritt, meine Abenteuerlust in keinster Weise schmälerten. Noch in der Reha recherchierte ich Möglichkeiten mit dem Rollstuhl zu reisen… Über die ‚Folgen‘ meiner Recherche werdet Ihr in den nächsten Wochen mehr erfahren :-)!

Reisen erfüllt meine Seele. Ich bin neugierig auf das Leben, hier und überall!!!

Alles Liebe, bleibt fröhlich, 

Eure Ela

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#4 – Ein wunderbares Abenteuer…

Als ich mit dem bloggen angefangen habe, hatte ich einen Plan… Den habe ich gerade eben kurzerhand über den Haufen geworfen und mich entschieden euch ganz aktuell zu berichten. Ein spannendes Wochenende liegt hinter mir. Abenteuerlich war es. Besonders. Fröhlich. Entspannt. Voller neuer Eindrücke und Erkenntnisse. Wie ich zu diesem erlebnisreichen Wochenende gekommen bin, ist schon eine Geschichte für sich…

Auf Facebook bin ich über das Projekt Sommerjung gestolpert und dann auf der Webseite hängen geblieben. Die Beschreibung hat mich fasziniert und der Abenteurer in mir war sofort Feuer und Flamme.

„Willkommen im Ferienlager für Erwachsene.

Komm mit auf eine ganz besondere Reise, fern von all den Dingen, die Dich daran hindern, frei und glücklich zu sein.

Komm mit an einen Ort, an dem Du all die Zeit hast, die Du Dir sonst zu selten nimmst. Zeit, um mit neuen Freunden Geschichten zu schreiben und um Deine eigenen Erfahrungen, Wünsche und Träume zu teilen. Einen Ort voll bunter Farben und malender Klänge.

Bei uns geht es um Dich und um all die Dinge, die Du schon immer mal tun wolltest. Stürze Dich in ein neues Abenteuer und genieße den Moment – fernab unserer digitalen Welt. Entdecke Deine Talente wieder. Probiere verschiedenste kreative, sportliche und abenteuerliche Aktivitäten aus! Lerne neue Freunde kennen! Bestaune den Sonnenaufgang und zähle die Sterne.

Singe am Lagerfeuer, schreibe Liebesbriefe an der Schreibmaschine, tanze barfuß durch die Nacht, träume, lache, sei sommerjung.“

Quelle: www.sommerjung.de 

Ob das Camp auch mit Rolli möglich wäre? Es findet schließlich mitten im Wald irgendwo im nirgendwo statt… Obwohl – mein Outdoor-Rolli ist ja durchaus belastbar… Und schließlich steht auf der Website explizit, dass jeder willkommen ist. Ob das auch für Menschen mit einem Handicap gilt? In letzter Zeit bin ich mit meinem Erlebnisdurst häufig an Barrieren gescheitert… Die stellten sich oft weniger in den baulichen Gegebenheiten dar, hatten sich vielmehr in den Köpfen aufgebaut und schienen unüberwindbar. Natürlich nicht für mich ;-). Wenn ich nicht fragte, würde ich es nie erfahren und so schrieb ich kurzerhand an Sommerjung. 

Die herzliche Antwort von Gründerin Bati berührte mich sehr. Aus jedem Wort konnte ich lesen, dass die Sommerjung-Leute ihr Herzensprojekt leben. Ich fühlte mich sofort willkommen und wusste in diesem Moment, ich wollte es wagen! 

Und ich habe es keine Sekunde bereut!

Mein größtes Aha-Erlebnis war zweifelsohne der Tatsache geschuldet, dass ich die 48 Stunden im Camp ohne Handy und Uhr verbracht habe. Zunächst war ich mehr als irritiert ‚zeitlos‘ zu sein, doch dann ist es mir gelungen, mich darauf einzulassen, die Zeit zu vergessen und einfach nur da zu sein, zu genießen, nur diesen Moment. Mehr als spannend zu erkennen, wie sehr ich mich im Alltag doch von der Uhr beeinflussen lasse, ihr mehr Aufmerksamkeit schenke, als oft nötig und dadurch unterbewusst auch irgendwie unruhig bin, gar nicht den Augenblick lebe, sondern gedanklich immer schon beim nächsten Termin bin oder daran denke, was noch alles zu erledigen ist. Ist das wirklich nötig? Und ist es wirklich wichtig, die schönen Momente und Erlebnisse ständig und immerzu festzuhalten? Gerade in den ersten Stunden habe ich mich dabei erwischt, wie häufig ich nach meinem Handy gegriffen habe (das ja eine wohlverdiente Ruhepause beim Sommerjung-Team verlebte) und den Moment festhalten wollte. Wie sehr habe ich mich daran gewöhnt, immer alles festzuhalten, die schönen Momente ‚abzuspeichern‘. Ich liebe es, Fotos anzuschauen und mich an vergangenen Erlebnisse zu erinnern. Doch muss es wirklich immerzu und ständig sein? Ich habe für mich entdeckt, dass ich Momente viel intensiver erleben und genießen kann, wenn ich mir erlaube, sie nur in meinem Herzen zu speichern. Der Moment hat meine ungeteilte Aufmerksamkeit und wird auch ohne Selfie in meiner Erinnerung bleiben. 

Ich mag mein Handy, all die Fotos und Erinnerungen, doch diese 48 Stunden OFFLINE haben mir so gut getan, mich so entspannt und Zeit und Raum für neue Erlebnisse und Eindrücke geschaffen, dass ich mir nun öfter diese Zeiten nehmen werde, sicher nicht erst wieder im nächsten Jahr beim Sommerjung-Camp ;-). 

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Für WhatsApp, E-mail, Facebook und Co. hätte ich während des Camps sowieso keine Zeit gefunden, denn es gab so viel zu erleben. Am See sitzen und der Live-Musik lauschen, beim Upcycling einen Gürtel aus einem alten Fahrradschlauch herstellen, einen Blumenkranz binden, mein Team Himmelblau bei den Colourgames anfeuern, bei der Talentshow staunen, im See schwimmen, leckeres Essen genießen, basteln, klönen, die Sonne genießen, …

Mit dem barfuß durch die Nacht tanzen hat es zwar nicht geklappt ;-), trotzdem war es ein Abenteuer. Großartig, bunt, fröhlich, wundervoll, sommerjung.

Einen großen Dank schicke ich an das gesamte Sommerjung-Team und an all die wundervollen Menschen, die ich kennen lernen durfte und die mir hier und da mit kleinen und großen Gesten eine Unterstützung waren und dieses unvergessliche Wochenende möglich gemacht haben.  

Alles Liebe, bleibt fröhlich, 

Eure Ela

P.S. Ariane von PULS Reportage hat mit ihrem Team auf dem Ferienlager gedreht, daraus ist ein toller Film geworden, den Ihr auf YouTube anschauen könnt. Und wer aufmerksam hinschaut, wird mich auch entdecken ;-).